Das Damaskus-Zimmer

im Museum für Völkerkunde Dresden - Staatliche Ethnographische Sammlungen Sachsen

Historie


Seit Jahrhunderten ziehen orientalische Luxus- und Gebrauchsgüter wie Teppiche, Fliesen, Brokatstickereien, prunkvolle Waffen oder perlmuttbesetzte Holztruhen das Interesse europäischer Käufer und Sammler auf sich. Die Vorliebe für den Orient führte im Laufe des 19. Jahrhundert sogar dazu, dass Gebäude im orientalischen Stil in Europa und Nordamerika errichtet wurden, wie beispielsweise der Königliche Pavillon in Brighton (1815-22), das einer Moschee gleichende Pumpenhaus in Potsdam (1841-43), das maurische Bad in Dresdens Schloss Albrechtsberg (1850-54) oder die Neue Synagoge in Berlin (1859-66). 1898 reiste der Sammler und Kunstmäzen Karl Ernst Osthaus in den Orient, um Ausstellungsobjekte für sein geplantes Privatmuseum in Hagen/Westfalen zu erwerben. In seinem Reisetagebuch vermerkte er, dass er in Damaskus einige private Wohnhäuser mit dem Ziel besuchte, ein „arabisches Zimmer“ für seine Sammlung zu kaufen. Während seines Aufenthalts waren seine Ankaufsbemühungen nicht von Erfolg gekrönt. Deshalb nahm sich der deutsche Konsul in Damaskus, Ernst Lütticke, gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Bishara Asfar Osthaus‘ Ansinnen an. Wie Briefwechsel zwischen Osthaus und Lütticke sowie die Rechnung vom 22. März 1899 belegen, wurde das Damaszener Zimmer 1899 nach Deutschland geschickt.

Osthaus hatte anscheinend die Dimensionen des Zimmers (5,40 m Raumhöhe) unterschätzt und fand keinen geeigneten Ausstellungsort in seinem Museumsneubau. Deshalb wurde das Damaszener Zimmer nicht aufgebaut, sondern eingelagert und geriet offenbar in Vergessenheit. Nach dem Tode Osthaus' 1921 entdeckte man die Vertäfelung wieder. Einem der Erben, dem Kunsthistoriker Hellmuth A. Fritzsche, ist es zu verdanken, dass das Damaskus-Zimmer 1930 als Schenkung an das Museum für Völkerkunde in Dresden kam. Aber auch dort kam es nicht zum Wiederaufbau, obwohl in den 1930er Jahren ein ausgewiesener Experte für orientalische Wohnhausarchitektur, der in Dresden als Professor tätige Architekt Oskar Reuther, in die Arbeiten einbezogen war. Während des Zweiten Weltkrieges waren die Einzelteile des Zimmers in der Festung Königstein ausgelagert. 1958 zog das Damaskuszimmer dann gemeinsam mit den anderen Objekten des Museums in das Japanische Palais in Dresden ein, das seither die Heimstatt des Museums für Völkerkunde ist.

Im Frühjahr 1997 wurden die Einzelteile des Damaskuszimmers nach fast einhundertjährigem Dornröschenschlaf aus dem Depot geholt und von der damaligen Museumsdirektorin Annegret Nippa ein Projekt zur Restaurierung und Wiederaufstellung des Zimmers initiiert. Die Präsentation der etwa 110 Einzelteile war auch für die Fachwelt eine Sensation, da es eines der wenigen erhaltenen Beispiele syrischer Interieurs ist, die in Museen weltweit ausgestellt sind. Aber auch in den Städten des Nahen Ostens sind derartige Vertäfelungen kaum noch in gutem Erhaltungszustand zu finden. Häufig wurden sie übermalt, verändert oder gänzlich entfernt und durch andere Dekorationen ersetzt. Ganze Stadtviertel mit historischen Wohnhäusern wurden bei kriegerischen Auseinandersetzungen zerstört oder fielen Modernisierungen der historischen Altstädte zum Opfer. Umso höher ist der Wert des Dresdner Damaskuszimmers, das fast vollständig und mit seiner Originalfassung erhalten ist, zu bewerten.

Das Damaskuszimmer ist mit einer arabischen Gedichtinschrift geschmückt, deren letzter Vers die Jahreszahl 1225 für die Fertigstellung des Zimmers enthält. Die Jahreszahl 1225 des islamischen Mondkalenders entspricht den Jahren 1810-11 des christlichen Sonnenkalenders.

 

Die Inschriften

 

Das enorme Prestige der arabischen Schrift macht Inschriften zu einem zentralen Gestaltungselement im arabisch-islamischen Kulturkreis. Im Dresdner Damaskus-Zimmer finden sich an prominenter Stelle im Raum umlaufend 10 Inschriftentafeln, welche die Anfangsverse eines bis heute ungebrochen populären Gedichts mit dem Namen "al-qasida al munfariga" enthalten. Dieses Gedicht, möglicherweise dem berühmten Mystiker des 12. Jahrhunderts al-gazali zugeschrieben, enthält ein Gebet um Erlösung von Sorgen und Nöten.

Jede Schriftkartusche ist durch Blattranken in zwei nebeneinander stehenden Hälften geteilt. Die Buchstaben wurden mit schwarzer Farbe vorgeschrieben, mit dickflüssiger Gips-Leim-Mischung in der ajami-Technik reliefartig nachgezogen und anschließend vergoldet. Der Hintergrund ist mit einer besonderen Farbe bemalt, die gemahlenes blaues Glas enthält und - mit Leim gebunden - ein tief leuchtendes Blau erzeugte. Die Schrift steht golden vor blauem Hintergrund mit feinen, weißen Rankenmalereien.

In den schmalen Kartuschen stehen bis zu drei Schriftebenen übereinander, so dass die Schrift insgesamt gedrängt wirkt und die Leserlichkeit beeinträchtigt wird. Dies wird in der arabischen Schriftkunst jedoch nicht als Mangel aufgefasst, sondern trägt im Gegenteil zum künstlerischen Wert der Inschrift bei. Zum Schmuck des Damaskus-Zimmers wurde eine Gedicht gewählt, das zwar als Werk eines berühmten islamischen Theologen bekannt war, jedoch keine spezifischen islamischen Glaubensinhalte formuliert: Der islamische Prophet wird weder genannt noch angerufen. Es finden sich keine Sätze oder Zitate, die andere Religionen oder ihre Angehörigen kritisieren oder herabsetzen. Ferner fehlt die islamische basmala, die sonst jedem islamischen Dokument voransteht. So konnte die Inschrift keinen Gast, der das Zimmer betrat, befremden.

Die Inschriften wurden von der Orientalistin Dr. Claudia Ott übersetzt und publiziert.

Abbildungen der Inschriftentafeln...

Übersetzung der Inschriften...

Publikation...

Deutsches Konsulat in Damaskus

Empfangsraum im Deutschen Konsulat
in Damaskus um1900 (1)

Empfangszimmer in Damaskus

Empfangszimmer eines Aleppiner Hauses (2)

Empfangszimmer in Damaskus


Eine Inschriftentafel des Damaskuszimmers